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Warum „#AllMen" falsch ist – und warum das eine linke Position ist (1/2)

Wir verstehen uns als radikal links. Wir, das sind eine weiblich gelesene Person (Frau) und eine männlich gelesene Person (Mann) – einmal Studierende der Sozialwissenschaften, einmal ohne akademischen Hintergrund. Wir haben versucht, den Text so einfach verständlich wie möglich zu schreiben. Das nur vorab.


Seit Anfang 2025 erlebt der Hashtag #AllMen eine neue Welle. In den "sozialen" Medien kursieren täglich Clips, in denen Frauen erklären, warum sie Männern grundsätzlich misstrauen. Die Gegenreaktion folgt prompt: Männer, die sich ungerecht behandelt fühlen, radikalisieren sich – Andrew Tate & Co. bekommen neuen Zulauf, die Manosphere wächst.

Beide Seiten haben etwas Richtiges. Und beide machen denselben Fehler: Sie antworten auf Pauschalurteile mit Pauschalurteilen.

Dieser Text kommt nicht aus der liberalen Mitte, die Strukturkritik für Übertreibung hält. Er kommt von links; und genau deshalb lehnt er #AllMen ab.


Nennen wir es beim Namen

#AllMen bedeutet, eine Gruppe von Menschen aufgrund eines biologischen Merkmals moralisch abzuwerten. Nicht aufgrund von dem, was sie getan haben. Nicht aufgrund von dem, was sie gesagt haben. Sondern aufgrund dessen, was zwischen ihren Beinen ist.

Wir können das soziologisch einbetten, intersektional differenzieren und strukturtheoretisch begründen – und das werden wir auch. Aber dieser Satz muss zuerst stehen, weil er der ehrlichste ist. Denn wenn wir dieselbe Logik auf jede andere Gruppe anwenden würden – auf Menschen einer bestimmten Herkunft, einer bestimmten Hautfarbe – würden wir es sofort erkennen, was es ist: Diskriminierung.

Die soziologische Verpackung macht die Logik nicht weniger problematisch. Sie macht sie nur schwerer erkennbar.


Das Problem existiert, es ist groß & muss benannt werden.

Frauen erleben Gewalt, Herabwürdigung und Ungleichheit – statistisch nachweisbar, alltäglich real. Femizide sind keine Einzelfälle, sondern Muster. Sexualisierte Gewalt wird systematisch verharmlost, Täter werden selten konsequent bestraft. Die Wut hinter #AllMen ist keine Hysterie. Sie ist eine rationale Reaktion auf eine Gesellschaft, die Frauen strukturell im Stich lässt.

Wer das bestreitet, hat das Problem nicht verstanden – oder will es nicht verstehen.


Die Schweige-Falle

Wenn eine Frau über Gewalt spricht und ein Mann sofort „nicht alle!" ruft, passiert etwas Bezeichnendes: Das Gespräch dreht sich plötzlich um seine Unbescholtenheit, nicht mehr um ihren Schmerz. Das ist keine böse Absicht – aber es ist eine strukturelle Reaktion, die das Gespräch abwürgt.

Gleichzeitig: Wer als Mann schweigt, wirkt mitschuldig. Wer spricht, rechtfertigt sich. Das ist eine echte Zwickmühle, und entsteht, wenn politische Kommunikation Menschen in Kategorien sperrt, aus denen es kein Entkommen gibt.

Genau hier liegt das Problem mit #AllMen als politischem Instrument: Es erzeugt nicht Solidarität, sondern Abwehr. Die Mehrheit der Männer – weder Täter, noch lautstarke Verbündete – schweigt. Nicht aus Bösartigkeit, sondern weil sie sich durch eine pauschale Markierung in die Defensive gedrängt fühlen, bevor sie irgendetwas gesagt haben. Das ist kein Argument gegen Strukturkritik, sondern eines gegen eine Kommunikationsstrategie, die Verbündete vergrault.


Strukturen sind real – Kollektivhaftung ist es nicht

Ja: Männer profitieren durchschnittlich von Strukturen, die für sie gebaut wurden. Sie werden in vielen Situationen eher gehört. Sie fühlen sich nachts auf der Straße sicherer. Das sind keine Einbildungen, sondern Soziologie, und sie stimmt.

Aber diese Strukturen hat kein einzelner Mann bestellt. Und sie treffen nicht jeden Mann gleich. Ein junger Mann mit Migrationsgeschichte, der täglich Rassismus erlebt und im Niedriglohnsektor arbeitet, spürt von dieser „Macht" wenig. Er wird durch #AllMen trotzdem mitgemeint – soll für Strukturen haften, von denen er selbst oft ausgeschlossen ist. Er wird zwischen zwei Kollektivismen zerrieben: Der eine verurteilt ihn für seine Herkunft, der andere für sein Geschlecht.

Dabei ist er kein automatischer „Feind des Patriarchats"; er kann selbst patriarchale Verhaltensweisen reproduzieren, das wäre naiv zu leugnen. Aber er ist als Arbeiter Teil derselben Klasse wie die Frau neben ihm. Das kapitalistische Patriarchat schadet beiden – weil es Konkurrenz zwischen ihnen befördert und so Klassenzusammenhalt verhindert. #AllMen zerstört genau diese potenzielle Solidarität.

Und das ist keine linke Analyse mehr. Das ist akademischer Luxus-Aktivismus, der die Komplexität realer Leben für einen griffigen Hashtag opfert.


Misstrauen ist nicht dasselbe wie Abwertung

Hier braucht es eine Unterscheidung, die oft fehlt: Dass eine Frau nachts auf der Straße einem Unbekannten misstraut, ist keine Diskriminierung – das ist eine legitime, rationale Schutzstrategie in einer Welt, in der sexualisierte Gewalt eine einseitige statistische Realität ist. Niemand kann ihr vorschreiben, wie sie in diesem Moment ihr Risiko einschätzt.

#AllMen als politische Aussage ist etwas anderes. Es ist keine situative Vorsicht – es ist eine dauerhaft generalisierte moralische Markierung, die das Geschlecht eines Menschen zum Beweis seiner potenziellen Schuld macht, bevor er irgendetwas getan hat. Das ist der Unterschied zwischen Überlebensstrategie und politischem Pauschalurteil.


Ein Widerspruch im Fundament

Es gibt einen Widerspruch in #AllMen, der selten ausgesprochen wird – weil er unbequem ist.

Die theoretische Basis des modernen Feminismus lautet: Männlichkeit ist kein biologisches Schicksal, sondern ein soziales Konstrukt. Gender ist nicht Biologie, sondern Sozialisation, Struktur, Performance. Das ist wissenschaftlich gut begründet und richtig.

Aber #AllMen adressiert in der Praxis: alle Personen mit Penis. Eine trans Frau – mit männlicher Sozialisation aufgewachsen, aber Opfer transfeindlicher und patriarchaler Strukturen – soll für Patriarchat haften. Ein trans Mann ohne diese Sozialisation gilt plötzlich als Täter. Nicht-binäre Menschen sind unklar zugeordnet.

Und das ist kein Nebenwiderspruch. #AllMen beruht auf einer Theorie, die sagt: Geschlecht ist sozial konstruiert. Und richtet sich dann gegen eine biologische Kategorie. Wer Geschlecht als Konstrukt begreift, aber dann biologische Kategorien politisch einsetzt, betreibt genau den biologischen Determinismus, den er zu überwinden behauptet.


Kollektivhaftung nach Biologie: Eine Lektion aus der Geschichte

Die Idee, dass Individuen nicht für ihre Gruppe haften dürfen, ist keine abstrakte liberale Philosophie. Sie ist die konkrete Lehre aus dem 20. Jahrhundert. Kollektivhaftung nach biologischen Merkmalen – nach Herkunft, nach Rasse, nach Geschlecht – hat in Europa eine katastrophale Geschichte. Das Versprechen, das wir uns danach gegeben haben, lautet: Nie wieder wird die Geburt über die Schuld entscheiden.

Dieses Versprechen ist nicht verhandelbar. Nicht für migrantische Männer. Nicht für Männer aus der Arbeiterklasse. Und auch nicht, wenn die Gruppe, die pauschalisiert wird, gesellschaftlich privilegierter ist als andere. Ein Grundsatz, der nur für manche gilt, ist kein Grundsatz. Er ist Willkür.


Wir sind alle Produkte dieser Strukturen

Noch etwas, das wir selten aussprechen: Patriarchale Muster sitzen nicht nur „da draußen" – sie sitzen in uns drin. In der Sprache, die wir benutzen. In den Bildern, die uns formen. In den Erwartungen, die wir an uns selbst und andere stellen. Auch Frauen reproduzieren sexistische Muster – nicht weil sie schlechte Menschen sind, sondern weil niemand außerhalb der Gesellschaft steht, die ihn geformt hat.

Das macht #AllMen nicht richtiger. Es macht es falscher. Denn wenn das Problem eine Struktur ist, die alle durchdringt, dann ist die Antwort nicht, eine Gruppe schuldig zu sprechen. Die Antwort ist gemeinsame Arbeit an Dekonstruktion – in uns selbst und in den Institutionen um uns herum.

Das heißt auch: Eine linke Politik kann nicht einfach von Gleichheit reden, als würden alle unter denselben Bedingungen starten. Sie muss Ungleichheit anerkennen, ausgleichen und organisatorisch mitdenken. Gleiche Ziele, ungleiche Ausgangslagen, unterschiedliche Mittel. Wer mehr Zeit, mehr Bildung, mehr Sicherheit oder mehr Zugang zu Sprache hat, muss mehr Verantwortung tragen, ohne daraus ein moralisches Überlegenheitsgefühl zu machen. Solidarität heißt dann nicht, Unterschiede glattzubügeln, sondern sie so zu organisieren, dass sie nicht zur Spaltung werden. Das ist der Punkt, an dem sich ein linker Universalismus von bloßem Formalismus unterscheidet.


#AllMen ist nicht zu radikal, sondern zu wenig radikal

Hier liegt der eigentliche Widerspruch, den wir benennen müssen: #AllMen fühlt sich radikal an. Ist es aber nicht.

Was als Kulturkampf inszeniert wird – Hashtags, Lagerdenken, Identitäten gegen Identitäten – adressiert keine einzige Institution, kein Gesetz, keine ökonomische Struktur. Es ersetzt die schwierige, langsame, kollektive Arbeit an echten Veränderungen durch eine rhetorische Eskalation, die sich gut anfühlt und wenig bewirkt.

Man kann Kulturkampf an einem einfachen Test erkennen: Was soll sich konkret ändern, und wer muss das umsetzen? Wenn die Antwort ist – eine Gruppe soll sich schämen oder anders reden – dann ist es Kulturkampf. Wenn die Antwort ist – dieses Gesetz, diese Institution, dieses Recht – dann ist es Politik. #AllMen besteht diesen Test nicht.

Wirklich radikale Politik fragt: Welche Gesetze müssen sich ändern? Welche Institutionen müssen angegriffen werden? Wie organisieren wir uns gemeinsam? Kulturkampf – ob von rechts oder von links – beantwortet diese Fragen nicht. Er spaltet die, die eigentlich dieselben Feinde haben.


Zwei Schablonen, die man kennen sollte

Es gibt ein einfaches Muster, an dem man Kulturkampf erkennt:

Reales Problem + falsche Adresse + keine konkrete Forderung = Kulturkampf.

Und es gibt ein ebenso einfaches Muster, das bei #AllMen immer wieder auftaucht:

Eine Gruppe begeht überproportional ein Vergehen. Das ist real und ernst. Deshalb sollen alle Gruppenangehörigen mit haften. Wer widerspricht, gilt als Teil des Problems.

Dieses Muster würde man bei anderen Gruppen sofort als unzulässig erkennen. Bei Männern wird es plötzlich akzeptiert. Genau darin liegt das Problem: Es ist keine konsequente Theorie, sondern eine Ausnahme nach Sympathie.


Was stattdessen – konkret

Wut ohne Forderungen verändert nichts. Hier ist, was tatsächlich helfen würde:

All das geht. Ohne jeden Mann vorab zu verurteilen. Und es geht effektiver, weil es Männer als potenzielle Verbündete behandelt – nicht als Feinde.


Fazit

Wer Strukturen verändern will, braucht Mehrheiten. Wer Mehrheiten will, braucht Verbündete. Wer Verbündete will, darf Menschen nicht durch ihre Geburt moralisch vorverurteilen.

Gerechtigkeit ist kein Nullsummenspiel. Der Kampf gegen patriarchale Strukturen wird nicht dadurch gewonnen, dass man ein neues Kollektiv schuldig spricht. Er wird gewonnen, indem man die Strukturen selbst zerstört – durch Organisierung, durch Gesetze, durch eine Sozialisation, die Geschlecht nicht als Schicksal behandelt.

Der Mensch zuerst. Ohne Ausnahme.