Warum „#AllMen" falsch ist – und warum das eine linke Position ist (2/2)
Nach unserem ersten Text haben wir viel Rückmeldung bekommen. Einiges davon hat uns tatsächlich zum Weiterdenken gebracht: kluge Einwände, ehrliche Nachfragen, Kritik, die mehr war als nur Abwehr. Der häufigste Einwand war allerdings ein anderer und kam in immer neuen Varianten wieder: Ihr habt #AllMen falsch verstanden. Es geht dabei nicht um individuelle Männer, sondern um patriarchale Strukturen. Wer darin eine Pauschalverurteilung sieht, verfehlt den eigentlichen Sinn.
Auf genau dieses Argument wollen wir deshalb noch einmal genauer eingehen. Nicht, weil wir keine Kritik aushalten, sondern weil wir denken, dass an diesem Punkt etwas durcheinandergerät, das politisch sauber getrennt werden muss. Unsere Kritik an #AllMen richtete sich nie gegen die Wut, die dahintersteht. Sie richtete sich gegen die Behauptung, dass dieser Slogan eine sinnvolle politische Strategie sei. Beides ist nicht dasselbe.
Die Wut ist berechtigt. Frauen erleben Gewalt, Herabsetzung und strukturelle Benachteiligung. Wer diese Wut kleinredet, hat das Problem nicht verstanden. Aber aus der Berechtigung einer Emotion folgt noch nicht, dass jede Ausdrucksform dieser Emotion politisch sinnvoll ist. Genau darum geht es.
Wo #AllMen herkommt
Bevor wir darüber sprechen, ob #AllMen Strukturkritik ist, lohnt sich ein Blick auf seine Entstehung. Denn anders als bei politischen Begriffen oder theoretischen Konzepten gibt es hier keine ausformulierte Definition, kein Manifest und keinen Ursprungstext, in dem #AllMen als analytische Kategorie entwickelt würde.
Was sich stattdessen beobachten lässt, ist eine Eskalationsgeschichte. Nach #MeToo und nach Berichten über sexualisierte Gewalt reagierten viele Männer mit „Not All Men“ – also mit dem Versuch, die Diskussion von den Erfahrungen der Betroffenen weg auf die eigene Unbescholtenheit zu verschieben. Darauf reagierten feministische Gegenbewegungen mit Formulierungen wie #YesAllWomen, um zu verdeutlichen, dass nahezu alle Frauen Erfahrungen mit Grenzverletzungen, Angst oder Herabsetzung machen. #AllMen ist aus dieser zugespitzten Auseinandersetzung hervorgegangen: nicht als theoretischer Begriff, sondern als emotionaler Kampfbegriff innerhalb einer polarisierten Debatte.
Daran sieht man auch, was #AllMen ursprünglich leisten sollte – und was eben nicht. Der Slogan wurde nicht entwickelt, um präzise soziale Verhältnisse zu analysieren. Er entstand als zugespitzte Reaktion auf eine Abwehrfigur. Wenn später behauptet wird, damit sei eigentlich nur eine strukturelle Analyse gemeint, wirkt das deshalb oft weniger wie eine begriffliche Klärung als wie der Versuch, eine bewusst provokative Formulierung im Nachhinein analytisch aufzurüsten.
Der einfachste Test
Ob dieses Strukturkritik-Argument trägt, lässt sich mit einem ziemlich einfachen Gedankenexperiment prüfen: Man tauscht die adressierte Gruppe aus.
Stellen wir uns vor, ein rechter Account würde #AllSyrianMen posten. Auf Kritik würde dann geantwortet: Gemeint seien natürlich nicht alle einzelnen syrischen Männer, sondern syrische Männer als gesellschaftliche Gruppe, die durch bestimmte patriarchale Herkunftsstrukturen geprägt seien. Das sei also keine Pauschalabwertung, sondern eine strukturelle Analyse.
Niemand aus dem linken Spektrum würde das akzeptieren. Und zwar zu Recht. Wir würden sofort erkennen, dass hier nicht einfach eine Struktur beschrieben, sondern eine Gruppe pauschal markiert wird. Die nachträgliche Berufung auf „Strukturen“ würde den Satz nicht retten, sondern nur zeigen, wie leicht sich offene Abwertung mit sozialwissenschaftlicher Sprache verkleiden lässt.
Gerade daran wird das Problem sichtbar. Es zeigt, dass nicht die Form des Arguments überzeugt, sondern die gesellschaftliche Stellung der Gruppe, auf die es angewandt wird. Bei Männern wird akzeptiert, was bei anderen Gruppen sofort als Kollektivabwertung erkannt würde. Das ist keine konsistente Theorie, sondern eine politisch selektive Ausnahme. Ein Grundsatz, der nur für manche gilt, ist aber keiner.
Man kann den Test noch weiter treiben. Bei #AllWhiteMen würden viele ebenfalls sofort zurückschrecken. Bei #AllRichMen wären manche wahrscheinlich offener. Das ist deshalb interessant, weil „reich“ keine biologische Kategorie ist, sondern eine gesellschaftliche Position. Wer Vermögen, Eigentum und Klassenlage verändert, verlässt diese position. Genau an diesem Unterschied wird sichtbar, was Strukturkritik von biologischer oder quasi-biologischer Zuschreibung unterscheidet.
(An der Form erkennt man: #AllMen tut sprachlich dasselbe wie #AllSyrianMen oder #AllWhiteMen tun würden – es markiert eine Gruppe. Die Strukturbegriffe stehen daneben: Patriarchat, Rape Culture, autoritär-rechte Männlichkeit. Sie werden in Forschung und Aktivismus getrennt geführt, nicht synonym benutzt.)
Was Strukturkritik eigentlich macht
Wenn tatsächlich patriarchale Strukturen kritisiert werden sollen, stehen dafür genügend präzise Begriffe zur Verfügung: das Patriarchat, patriarchale Institutionen, männliche Herrschaftsverhältnisse, geschlechtlich organisierte Machtstrukturen. All diese Begriffe lenken den Blick auf Verhältnisse, Rollen, Institutionen und gesellschaftliche Reproduktionsweisen. Sie benennen nicht einfach eine Menschengruppe, sondern den Zusammenhang, in dem Macht verteilt, abgesichert und normalisiert wird.
Linke Strukturkritik funktioniert genau so. Wenn Marxist*innen von der Bourgeoisie sprechen, meinen sie keine biologische Gruppe und auch keine Schicksalsgemeinschaft, sondern eine Klasse, die durch ihre Stellung zu Eigentum und Produktionsmitteln bestimmt ist. Wer diese Stellung verliert, gehört nicht mehr dazu. Die Kategorie hängt also an einer gesellschaftlichen Relation und nicht an einem Körper.
#AllMen funktioniert anders. Der Slogan adressiert nicht in erster Linie eine gesellschaftliche Funktion, sondern Männer als Gruppe. Dass anschließend erklärt wird, eigentlich seien damit nur Strukturen gemeint, ändert an dieser sprachlichen Grundoperation nichts. Wenn ein Satz eine Gruppe nennt und erst im zweiten Schritt behauptet, er meine etwas anderes, dann ist es zumindest nicht plausibel, den Vorwurf der Pauschalisierung einfach als Missverständnis abzutun.
Das zeigt sich besonders deutlich an trans Personen. In der gelebten Debatte werden trans Männer meist einbezogen, trans Frauen dagegen häufig ausgeklammert. Wäre die Strukturposition der entscheidende Punkt, müsste die Zuordnung wesentlich komplizierter sein. Dann müsste gefragt werden, wer wie sozialisiert wurde, wer welche Privilegien erlebt hat, wer welchem Gewalt- und Ausschlussverhältnis ausgesetzt war. Genau das geschieht aber meist nicht. Praktisch wirksam bleibt die Zuordnung über die Kategorie „Mann“. Auch daran zeigt sich, dass #AllMen sprachlich viel näher an einer Gruppenadressierung als an einer sauberen Strukturanalyse liegt.
Das Machtungleichgewicht-Argument
Ein Einwand, den wir nach dem ersten Text ebenfalls öfter gehört haben, lautet etwas anders: Selbst wenn #AllMen ungenau formuliert sei, mache der Slogan immerhin Machtungleichgewichte sichtbar. Und das sei politisch bereits wertvoll.
Auch dieses Argument halten wir nur teilweise für überzeugend. Ja, Machtungleichgewichte müssen sichtbar gemacht werden. Das ist notwendig. Patriarchale Gesellschaften verteilen Sicherheit, Anerkennung, Einkommen, Sorgearbeit und körperliche Unversehrtheit ungleich. Darüber muss gesprochen werden, deutlich, wiederholt und ohne Beschwichtigung.
Aber die bloße Sichtbarmachung eines Machtungleichgewichts ist noch keine Rechtfertigung für jede Form der Benennung. Zwischen „Männer profitieren im Durchschnitt von patriarchalen Verhältnissen“ und „#AllMen“ besteht ein entscheidender Unterschied. Der erste Satz beschreibt eine soziale Asymmetrie. Der zweite Satz markiert eine Gruppe. Das ist nicht dasselbe.
Gerade linke Politik sollte auf diesen Unterschied achten. Denn wenn jede pauschale Gruppenadressierung schon deshalb legitim wäre, weil sie auf ein reales Machtungleichgewicht verweist, ließe sich dieselbe Logik auf viele andere Konstellationen übertragen, in denen wir sie zu Recht ablehnen würden. Dass ein Problem real ist, macht die falsche Adresse nicht richtig. Sonst wäre jede kollektive Zuschreibung im Namen eines tatsächlichen Missstandes legitimierbar.
Deshalb überzeugt uns auch dieses Argument nicht. Machtungleichgewichte sichtbar zu machen ist notwendig. Sie über eine pauschale Formel wie #AllMen zu verhandeln, ist trotzdem keine gute politische Entscheidung.
Das Immunisierungsproblem
Hinzu kommt ein weiteres Problem, das in solchen Debatten fast immer auftaucht. Wer dem Slogan widerspricht, bestätigt ihn scheinbar schon durch den Widerspruch. Wer als Mann „nicht alle“ sagt, gilt als Beleg dafür, dass er sich ertappt fühlt. Wer zustimmt, bestätigt den Slogan ebenfalls. So entsteht eine Situation, in der jede mögliche Reaktion in dieselbe Deutung eingepasst werden kann.
Das ist politisch attraktiv, weil es Kritik leicht abwehrbar macht. Analytisch ist es schwach. Eine Aussage, gegen die kein Widerspruch überhaupt noch zählen kann, verliert an Erklärungswert. Genau deshalb haben linke Theorien historisch darauf bestanden, gesellschaftliche Verhältnisse so zu analysieren, dass sie überprüfbar bleiben und nicht bloß moralisch unangreifbar erscheinen.
Wenn ein Slogan jede Gegenrede schon als Selbstentlarvung liest, dann macht er sich unangreifbar, aber nicht präziser. Das sollte gerade in linken Debatten ein Warnsignal sein.
Das Klassenproblem
Im ersten Text haben wir bereits angedeutet, dass #AllMen nicht nur analytisch unpräzise, sondern auch politisch spalterisch wirkt. Diesen Punkt wollen wir hier noch einmal deutlicher machen.
Linke Politik lebt davon, gemeinsame materielle Interessen sichtbar zu machen. Sie versucht, Menschen, die unter denselben ökonomischen Bedingungen leben, nicht gegeneinander auszuspielen, sondern als mögliche Verbündete zu begreifen. Das heißt nicht, Geschlechterverhältnisse zu ignorieren. Im Gegenteil: Es heißt, sie so zu analysieren, dass sie nicht als Ersatz für Klassenpolitik auftreten.
#AllMen vertieft in dieser Hinsicht eine Spaltung, die linke Politik eigentlich überwinden müsste. Der Slogan setzt die Frau im Niedriglohnsektor und den Mann im Niedriglohnsektor zunächst einmal als gegensätzliche politische Lager. Er markiert den einen als Teil des Problems, obwohl beide demselben ökonomischen Druck, denselben prekären Bedingungen und oft derselben Entrechtung ausgesetzt sind. Natürlich verschwindet patriarchales Verhalten dadurch nicht. Natürlich können auch Männer aus der Arbeiter*innenklasse patriarchale Muster reproduzieren. Aber eine linke Analyse müsste gerade zeigen, wie kapitalistische und patriarchale Verhältnisse beide in Konkurrenz zwingen und so gemeinsame Organisierung erschweren.
Wenn stattdessen eine immer feinere Landschaft von Gruppen entsteht, die sich wechselseitig moralisch verdächtigen, dann stärkt das nicht den emanzipatorischen Kampf. Es schwächt ihn. Wer aus jedem realen Widerspruch vor allem eine neue identitäre Frontstellung macht, verliert die Frage aus dem Blick, wie gemeinsame politische Handlungsmacht überhaupt noch entstehen soll.
Was die Forschung dazu sagt
Ein weiterer Punkt ist uns nach dem ersten Text häufiger begegnet: Selbst wenn #AllMen Männer triggert oder verunsichert, sei das vielleicht gerade sinnvoll. Dann müssten sie sich wenigstens endlich einmal damit auseinandersetzen. Auch dieses Argument sollte man ernst nehmen, weil es auf den ersten Blick plausibel wirkt.
Genau hier ist der Blick auf die Forschung hilfreich. Eine Metastudie von Forschenden der Universitäten Kaiserslautern-Landau und Kassel, veröffentlicht in Personality and Social Psychology Review, wertet über 100 Einzelstudien mit knapp 20.000 Teilnehmenden aus. Untersucht wurde, was geschieht, wenn Männer das Gefühl bekommen, nicht männlich genug zu sein. Die Metastudie zeigt, dass Männer auf bedrohte oder infrage gestellte Männlichkeit typischerweise mit mehr Sexismus, Abwertung und autoritären Einstellungen reagieren – und genau an dieser Stelle setzt #AllMen an, indem es „Mann-Sein“ als solches zur problematischen Kategorie erklärt, statt konkrete Strukturen zu benennen. Die Ergebnisse zeigen keine produktive Selbstreflexion. Sie zeigen vielmehr Ärger, Angst, Unwohlsein und eine verstärkte Orientierung an genau jenen Mustern, die mit traditionellen Männlichkeitsnormen verknüpft sind. Betroffene Männer diskriminieren Frauen und schwule Männer stärker, befürworten aggressivere Politik und bewegen sich eher in konservative oder autoritäre Richtungen.(https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/10888683261433109)
Für die politische Debatte ist das entscheidend. Der Gedanke, Männer durch kollektive Beschämung oder Verunsicherung in eine reflektiertere Haltung zu treiben, wird durch diese Befunde gerade nicht gestützt. Die Reaktion ist nicht mehr Einsicht, sondern mehr Abwehr. Nicht mehr Offenheit, sondern stärkere Identifikation mit Dominanz, Ausschluss und Härte.
Damit wird auch verständlich, warum die Manosphere so gut funktioniert. Figuren wie Andrew Tate bauen genau auf diesem Mechanismus auf: Erst wird jungen Männern eingeredet, sie seien schwach, unzureichend oder nicht männlich genug. Anschließend wird ihnen Dominanz als Heilung verkauft. Wer diesen Prozess kennt, sollte zumindest vorsichtig damit sein, eine politische Sprache zu verwenden, die ähnliche Verunsicherungsmechanismen kollektiv auslöst.
Genau hier setzt unser strategischer Einwand an. #AllMen ist nicht deshalb problematisch, weil Menschen keine Wut ausdrücken dürften. Problematisch ist der Slogan, weil er politisch sehr wahrscheinlich nicht das hervorbringt, was seine Verteidiger*innen sich von ihm versprechen. Die Studie legt nahe, dass die Bedrohung von Männlichkeit eher mit mehr Sexismus und autoritären Reaktionen zusammenhängt als mit mehr Einsicht; deshalb lässt sich auch nicht einfach behaupten, der Effekt sei langfristig positiv, wenn die Daten gerade in die andere Richtung weisen.
Worum es uns geht
Wir schreiben das nicht, um patriarchale Strukturkritik abzuschwächen. Im Gegenteil. Uns geht es darum, sie zu schärfen. Wer Machtverhältnisse verändern will, braucht Begriffe, die mehr leisten als moralische Markierung. Es braucht Analysen, die erklären, wo Macht sitzt, wie sie reproduziert wird und an welchen Punkten sie politisch angegriffen werden kann.
Dafür ist es aus unserer Sicht nicht hilfreich, Männer als Kollektiv mit einem Slogan zu adressieren, der zwischen Strukturkritik, moralischer Zuschreibung und affektiver Zuspitzung oszilliert. Das mag emotional verständlich sein. Politisch bleibt es schwach. Wer Mehrheiten, Verbündete und tatsächliche Veränderung will, kommt um die schwierigere Arbeit nicht herum: Institutionen benennen, materielle Verhältnisse analysieren, Widersprüche aushalten und Strategien entwickeln, die mehr tun als nur das eigene Lager moralisch zu bestätigen.
Wut kann ein Anfang sein. Politik beginnt aber erst dort, wo aus Wut eine Form wird, die über den Moment hinaus trägt.