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Das organisierte Schweigen: Wie die NOZ die kurdische Community unsichtbar macht

Die journalistische Aufgabe einer Lokalzeitung wie der Neuen Osnabrücker Zeitung (NOZ) wäre es, die politische und soziale Vielfalt der Stadt abzubilden. Wer jedoch die Berichterstattung der letzten Wochen zur Lage in Rojava und Kurdistan verfolgt hat, reibt sich verwundert die Augen. Während hunderte Menschen in Osnabrück auf die Straße gingen, herrschte im Lokalblatt weitgehend Funkstille – oder es wurde ein Narrativ bedient, das kurdischen Aktivismus fast ausschließlich im Kontext von Bedrohung, Polizei und Sicherheit verortet. Die Kritik, dass ehrenamtliches Engagement und politischer Aktivismus in der NOZ keinerlei Repräsentanz finden, ist dabei nicht neu, hat sich jedoch in den letzten zwei Jahren massiv verschärft; heute scheint die Redaktion jeglichen Draht zur aktiven Zivilgesellschaft verloren zu haben und nimmt stattdessen eine zunehmend distanzierte bis ablehnende Haltung gegenüber diesen Gruppen ein. Dieses Versagen ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines redaktionellen Kurses, der sich in einen breiteren gesellschaftlichen Rechtsruck einfügt und diesen aktiv verstärkt.

Eine unsichtbare Großgruppe: Die kurdische Community in Osnabrück

Osnabrück ist Heimat einer großen, politisch aktiven kurdischen Gemeinschaft. Das Demokratische Kurdische Gesellschaftszentrum (DKG) besteht seit über 29 Jahren und ist weit mehr als ein bloßer Verein: Es ist ein täglicher Ankerpunkt für Austausch, Kultur und Selbstorganisation. Das Zentrum beherbergt verschiedene Fachkommissionen, darunter eine Jugend- und eine autonome Frauenkommission. In dieser Frauenkommission arbeiten sunnitische, alevitische, jesidische und christliche Frauen über Religionsgrenzen hinweg zusammen. Eine ihrer wichtigsten Aufgaben ist die Unterstützung von Frauen, die häusliche Gewalt erleben, sowie die Hilfe für Menschen, die durch Krieg und Flucht traumatisiert sind. Neben politischem Engagement bietet das DKG Saz-Kurse sowie Kurmandschi- und Deutsch-Sprachkurse an und kooperiert mit kurdischen Vereinen in ganz Europa.

Wie viele Kurdinnen und Kurden genau in Osnabrück leben, lässt sich statistisch nur schätzen, da sie in amtlichen Zahlen unter den Staatsangehörigkeiten der Herkunftsländer (Türkei, Syrien, Irak, Iran) geführt werden. Klar ist jedoch: Sie stellen eine der größten migrantischen Gruppen der Stadt. Aktuelle Daten der Stadt Osnabrück belegen, dass Ende 2024 fast 21.000 Menschen aus Nicht-EU-Staaten in der Stadt lebten. Ein erheblicher Teil dieser Gruppe ist kurdischer Herkunft. Das zeigt sich regelmäßig in der Mobilisierungsfähigkeit bei Demonstrationen, an denen hunderte Menschen teilnehmen. Dass diese Community in der lokalen Berichterstattung der NOZ faktisch nicht vorkommt – außer in Polizeimeldungen – ist eine eklatante Missachtung der städtischen Realität.

Die Geografie der Ignoranz: Osnabrück als weißer Fleck

Besonders deutlich wurde dieses Versagen am 20. Januar 2026. Während in der Osnabrücker Innenstadt bis zu 500 Menschen unter dem Motto „Solidarität mit Rojava“ demonstrierten, tauchte diese Demonstration in den regionalen Übersichten der NOZ zu den niedersächsischen Protesten nicht einmal auf. In den Berichten über Großdemonstrationen in Hannover (bis zu 2.000 Teilnehmende) und Bremen (2.300 Teilnehmende) wurden zwar kleinere Städte wie Salzgitter erwähnt, doch der massive Protest in Osnabrück blieb in diesen Zusammenfassungen unsichtbar. Lediglich eine isolierte Kurzmeldung im Lokalteil erschien – nahezu ausschließlich aus polizeilicher Perspektive verfasst. Die NOZ blendete damit aus, dass Osnabrück ein eigenständiges Zentrum kurdischen Aktivismus in Norddeutschland ist. Vor allem aber blieb der politische Kern der Proteste unerwähnt: die Verteidigung des demokratischen Gesellschaftsmodells in Rojava (Nordsyrien) gegen dschihadistische Angriffe der al-Scharaa-Milizen.

Kurden als Gewalt-Kulisse: Die einzige andere Erwähnung

Dass dieses Schweigen System hat, zeigt der Blick auf den einzigen weiteren Artikel dieses Jahres, in dem Kurden überhaupt eine Rolle spielten. Am 5. Januar übernahm die NOZ einen Beitrag der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) unter dem Titel „Kriminelle Migranten, wenig Respekt: Zwei Polizisten berichten“.

Kurden tauchen in diesem Text ausschließlich als Bedrohung auf: Ein anonymisierter Polizist namens „Franjo“ schildert dort Einsätze, bei denen er Kurden und die Antifa „abdrängen“ musste, die angeblich mit Steinen geworfen hätten. Dies war bislang die einzige inhaltliche Darstellung der kurdischen Community in der NOZ im Jahr 2026 – eine Darstellung, die sie pauschal als gewalttätig und als Gefahr für die öffentliche Ordnung stigmatisiert. Der Text zeichnet das Bild einer Polizei, die durch „woke“ Vorgaben nach außen und „aufmüpfige Migranten“ auf der Straße unter Druck stehe.

Bemerkenswert ist auch die redaktionelle Reaktion auf mögliche Kritik: Die Kommentarfunktion unter diesem Artikel wurde deaktiviert. Während sonst gerne auf Meinungsfreiheit verwiesen wird, wurde hier der digitale Debattenraum geschlossen – genau dort, wo ein rassistisches Framing hätte hinterfragt und die Perspektive der Betroffenen hätte eingebracht werden können.

Sechs Demos, eine Meldung

In den ersten Wochen des Jahres 2026 organisierte die kurdische Community gemeinsam mit solidarischen Gruppen mehrere Demonstrationen in Osnabrück. Die Bilanz der NOZ-Lokalredaktion ist ernüchternd: Sechs größere Proteste innerhalb eines Monats – aber nur ein einziger kurzer Bericht, ohne politische Einordnung oder Stimmen der Veranstaltenden. Besonders das Ignorieren des Vortrags über die „Grauen Wölfe“ am 10. Februar wiegt schwer. Organisiert von den Libertären Kommunist*innen Osnabrück (LikOs) – einer Gruppe, die seit 10 Jahren fester Bestandteil der lokalen antifaschistischen Szene ist – thematisierte die Veranstaltung die größte rechtsextreme Organisation in Deutschland. Dass die NOZ über „neue extremrechte Strategien“ berichtet, aber den lokalen Vortrag über diese konkrete Bedrohung für Kurden und Jesiden ausspart, ist unverantwortlich.

Strukturelles Versagen: Homogenität statt Vielfalt

Warum versagt die NOZ so konsequent? Kritische Berichte der taz dokumentieren, dass das Medienhaus ein massives Diversitätsproblem hat. Preise für journalistische Qualität werden fast ausschließlich an Männer vergeben; Menschen mit Migrationshintergrund fehlen in der Redaktion nahezu vollständig. Der frühere Chefredakteur Ralf Geisenhanslüke räumte ein, dass es kaum Bewerber mit Migrationshintergrund gebe, lehnt jedoch gezielte Programme für mehr kulturelle Vielfalt ab. Ohne diese Kompetenz bleibt die Zeitung blind für die Lebensrealität einer migrantisch geprägten Stadtgesellschaft.

Ein Versagen mit Ansage

Die NOZ versagt in der Berichterstattung über kurdische Themen auf drei Ebenen:

  1. Quantitativ: Die Existenz und die Aktivitäten einer der größten migrantischen Gruppen der Stadt werden weitgehend ignoriert.
  2. Qualitativ: Politischer Protest wird auf ein sicherheitspolizeiliches Ereignis reduziert, inhaltliche Motive bleiben unsichtbar.
  3. Ideologisch: Es werden Narrative reproduziert, die Migranten pauschal als gewalttätig markieren, während kritische Debattenräume durch deaktivierte Kommentarfunktionen geschlossen werden.

Dieses Verhalten ist Ausdruck eines redaktionellen Rechtsrucks, der auch vor Lokalredaktionen nicht haltmacht. Eine Zeitung, die über Migranten nur dann berichtet, wenn sie als „PGÜ“ (polizeiliches Gegenüber) erscheinen, gibt ihren demokratischen Auftrag preis. Kritiker wie die Aktion „NOZkritisch“ (ANK) weisen bereits seit längerem auf die zunehmende Verbreitung rechtspopulistischer Narrative hin.

In einem früheren Beitrag haben wir bereits grundlegend aufgezeigt, wie die NOZ systematisch mit Auslassung, Framing und Polizeiperspektiven arbeitet. Dieser Text knüpft daran an und macht deutlich: Das Schweigen ist kein Versehen, sondern Methode. Als Blog 490grad werden wir weiterhin genau dort hinschauen, wo die NOZ wegsieht.

Referenzen

  1. Demokratisches kurdisches Gesellschaftszentrum Osnabrück e.V., Zugriff am Februar 6, 2026:
    https://osnabrueck-alternativ.de/demokratisches-kurdisches-gesellschaftszentrum-osnabrueck-e-v/

  2. Rojava-Demo in Osnabrück: Hunderte protestieren am Hauptbahnhof, Neue Osnabrücker Zeitung, Zugriff am Februar 6, 2026:
    https://www.noz.de/lokales/polizeimeldungen-osnabrueck/artikel/rojava-demo-in-osnabrueck-hunderte-protestieren-am-hauptbahnhof-49791293

  3. Der Kalender – Osnabrück Alternativ, Zugriff am Februar 6, 2026:
    https://osnabrueck-alternativ.de/der-kalender/

  4. Osnabrück Alternativ – Alternative Termine und Veranstaltungen in Osnabrück und Umgebung, Zugriff am Februar 6, 2026:
    https://osnabrueck-alternativ.de/

  5. Preisverleihung bei der NOZ: Von Frauen keine Spur, taz.de, Zugriff am Februar 6, 2026:
    https://taz.de/Preisverleihung-bei-der-NOZ/!5658426/